Wie geht man bei kulturellem Wandel vor?



Donnerstag, 16. Oktober 2014

Autor

Lucia Caiata

Heute Morgen waren junge Wissenschaftler aus China, Kenia, Schweiz und USA auf der Bühne und ihre Herkunftsländer wurden im Rahmen des World Food Systems kurz vorgestellt. Am Ende des Referats über die USA wurde die Frage gestellt, wie man bei kulturellem Wandel in Bezug auf (falsche) Ernährung und Konsum vorgeht (unter Berücksichtigung, dass 55% der Bevölkerung in den USA übergewichtig und 25% adipös sind). Welches sind die Treibkräfte von Konsumveränderungen?

Die Antwort war meiner Meinung nach ein bisschen zu knapp und oberflächlich und umfasste nur übliche Aspekte wie „Education“, schrittweise Ansätze und die Betonung der Notwendigkeit einer intrinsischen Motivation. Das ist alles sehr wichtig, aber reicht das allein schon aus? So dargestellt klingt es, als ob die ganze Verantwortung nur auf der Gesellschaft liegt, welche alleine gegen die aktuellen prägenden ökonomischen Kräfte entgegenwirken muss.

Bleiben wir beim Fall USA und berücksichtigen wir die Unter- und Mittelschicht der Bevölkerung, welche den Grossteil der Bevölkerung ausmacht und analysieren wir ihre Rahmenbedingungen anhand des Beispiels im Dokumentarfilm „Food, Inc.“: Vierköpfige Familien, beide Eltern arbeiten und die Teenager-Töchter besuchen die Pflichtschule. Die finanziellen Ressourcen sind knapp und das hat auch zur Folge, dass sie sehr weit weg vom Arbeitsort wohnen und täglich mehrere Stunden mit dem Auto pendeln müssen, was wiederum zur Folge hat, dass sie weniger Zeit für Haushalt, Freizeit, Bewegung, etc. haben. Optimierungen sind nicht möglich, ansonsten wären schon längstens Vorkehrungen getroffen worden (nähere Arbeitsstelle, besserer Wohnort). Sie haben also keine Zeit, die Mahlzeiten zu Hause vorzubereiten und essen deswegen während der Fahrt im Auto: billiges Fast Food, jeden Tag. Wie man sich leicht vorstellen kann, ist die Gesundheitssituation der Familie nicht ideal, der Vater muss Medikamente zu sich nehmen, was sich negativ auf das Familienbudget auswirkt. Schon bei dieser kurzen Beschreibung kann man erkennen, dass es sich dabei um einen sehr unglücklichen Zyklus handelt: Je mehr sie diese ungesunde Lebensweise annehmen, um zu arbeiten und Geld zu kriegen, umso mehr tragen sie die negativen Konsequenzen, welche wiederum zu Geldknappheit führen. Im Dokumentarfilm wird die Familie bei einem Einkauf in einem Supermarkt begleitet. Sie würden gerne frisches Gemüse kaufen, aufgrund des zu hohen Preises bleibt es aber bei dem Wunsch. Ihnen fehlt nicht das Wissen über gesündere Lebensmittel, sondern die tatsächliche Möglichkeit, diese zu kaufen. Der Preis ist hauptsächlich bei ärmeren Haushalten der entscheidende Faktor.

Die Oberschicht hingegen ist mit anderen Hindernissen beschäftigt. Trotz der namhaften „education“ dieser Bevölkerungsschicht und den finanziellen Möglichkeiten, kommen Schwierigkeiten auf, die richtigen Entscheidungen zu treffen. So wird man kontinuierlich von Werbungen und jeder Art von Verlockung für unvorteilhafte Lebensmittel bombardiert und das Essverhalten dadurch unbewusst beeinflusst und so ausgerichtet wird, dass man eigentliche keine echte Wahl mehr trifft. Aus diesen Gründen denke ich, reicht es nicht, sich für einen kulturellen Wandel nur auf „custumers‘ choices“ zu verlassen. Bewegungen „von Innen“ sind wichtig, aber gleichzeitig sollten sie zusammen mit Eingriffen „von oben“ kombiniert werden. Um die Frage zu beantworten, welche die Triebkräfte von Konsumveränderungen sind, beziehe ich mich auf ein Schema aus einer Vorlesung an der ETH über Nahrungsmittelverwendung von Professor Lehmann (s. Coverbild): Sozioökonomie, Urbanität, Handelspolitik, Marktliberalisierung, Einkommensanstieg/ Erschwinglichkeit, … Der Punkt ist: Kultureller Wandel in Essverhalten ist eine komplizierte und wichtige Aufgabe und sollte ernster in Betrachtung gezogen werden als bisher.

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Lucia Caiata

21 Jahre alt, aus dem Tessin, studiert an der ETH Zürich Lebensmittelwissenschaften im 5. Semester. Sie ist Mitglied der Schweizerischen Studienstiftung.

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